Naturheilkunde und Komplementärmedizin: Begriffsbestimmung

Die Naturheilkunde und die sogenannten komplementär- oder alternativmedizinischen Verfahren sind in der Bevölkerung sehr beliebt und weit verbreitet: Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2010 hat gezeigt, dass mehr als 72 Prozent der über 16-jährigen Deutschen schon einmal zu einem Naturheilmittel gegriffen haben. 45 Prozent der Anwender komplementärer Mittel und Verfahren sind von deren Wirksamkeit überzeugt.

Trotz dieser weiten Verbreitung der komplementärmedizinischen Therapien fällt es oft nicht leicht, die Begrifflichkeiten der Naturheilkunde richtig einzuordnen. Das führt nicht selten zu Verwirrung und falschen Aussagen. Begriffe wie Alternativmedizin werden z. B. mit Naturheilkunde gleichgesetzt, Homöopathie und Pflanzenheilkunde als Verfahren in einen Topf geworfen, oder die Bezeichnungen Heilpraktiker und Homöopath kommen synonym zum Einsatz.

Das ist auch kein Wunder, denn es gibt in der Komplementärmedizin eine Vielzahl an Methoden und Medizinsystemen, die sich nur schwer abgrenzen lassen. Auch Wissenschaftler ringen zum Teil noch um eine klare Zuordnung.

Alternativmedizin oder Komplementärmedizin – wo ist der Unterschied?

Heutzutage fassen Experten unter dem Begriff Alternativmedizin die Verfahren zusammen, die sich als Alternative (und nicht Ergänzung) zur Schulmedizin verstehen. Das ist aber selten im Interesse der Patienten, die im Regelfall (vor allem bei ernsten Krankheiten) nicht auf eine schulmedizinische Behandlung verzichten wollen und sollten.

Der Terminus Komplementärmedizin ist heute verbreiteter und im Grunde auch treffender. Er umfasst alle Methoden, die ergänzend zur konventionellen Medizin eingesetzt werden. Das schließt fast 300 unterschiedliche Verfahren ein, darunter auch ganze Medizinsysteme wie die Traditionelle Chinesische Medizin, die Anthroposophie, das Ayurveda oder die Homöopathie. Häufig werden auch die Verfahren der Naturheilkunde darunter zusammengefasst. Es handelt sich also im Grunde um einen „Sammelbegriff“ für die komplementären und naturheilkundlichen Verfahren.

Naturheilverfahren haben eine lange Tradition

Heilpraktiker verstehen sich stark der Tradition der Naturheilkunde verpflichtet, die seit Anbeginn der Menschheit praktiziert und seit dem Mittelalter schriftlich festgehalten, dadurch verbreitet und uns zugänglich gemacht wurde. Zu den bekanntesten Wegbereitern zählen die Äbtissin Hildegard von Bingen als namhafteste Vertreterin der Klostermedizin und der Arzt Paracelsus, der für eine breit gefächerte heilkundliche Tätigkeit von der Alchemie bis zur Spagyrik steht. Aber auch Vincenz Prießnitz spielt als Begründer der Wasserheilkunde und des sogenannten Prießnitzwickels genauso eine wichtige Rolle wie Johann Schroth als Vertreter des Heilfastens und der Diätetik. Pastor Emanuel Felke hat mit der nach ihm benannten Lehmkur und seiner vielseitigen naturheilkundlichen Tätigkeit (z. B. Irisdiagnose, Pflanzenheilkunde und Homöopathie) großen Einfluss auf die Entwicklung des Heilpraktikerberufes gehabt. Selbstverständlich hinterließ auch Pfarrer Sebastian Kneipp, der für die Erneuerung und Erweiterung der Wasserheilkunde sowie für eine gesunde Lebensweise steht, tiefe Spuren in der Entwicklung der Naturheilkunde. Diese waren – bis auf Paracelsus – allesamt nicht-ärztliche Heiler.

Doch auch Wissenschaftler haben zur Entwicklung von komplementärmedizinischen Verfahren beigetragen oder zu Erklärungsmodellen bezüglich deren Wirksamkeit bzw. zur Entstehung von Krankheiten aus naturheilkundlicher Sicht. Hierzu gehören beispielsweise der Biologe Prof. Dr. Hartmut Heine, mit seiner Theorie zum System der „Extrazellulären Matrix“ sowie in jüngster Zeit der Biologe Prof. Yoshinori Ohsumi, der 2016 den Nobelpreis erhielt für seine Forschung zur Autophagie (Recycling in den Zellen).

Klassische und Erweiterte Naturheilverfahren

Die Begriffe Naturheilverfahren und Naturheilkunde gehen zurück auf den Arzt Dr. Lorenz Gleich (1798 – 1865). Für ihn beinhaltet die Naturheilkunde die Behandlung mit natürlichen, von der Natur vorgegebenen Mitteln und Methoden. Fachleute unterscheiden die sogenannten „Klassischen Naturheilverfahren“ und die „Erweiterten Naturheilverfahren“.

Zu den klassischen Naturheilverfahren zählen die Verfahren, die auf den „Fünf Säulen“ nach Sebastian Kneipp basieren. Zu ihnen zählen die:

  • Physikalischen Therapien (z. B. Bäder, Güsse, Wassertreten, Wickel, Auflagen, Wärme- oder Kälteanwendungen)
  • Bewegungstherapie (Ausdauer- oder Krafttraining, Physiotherapie)
  • Ernährungstherapie
  • Phytotherapie (Pflanzenheilkunde)
  • Ordnungstherapie (Anleitung zu einem gesundheitsfördernden Lebensstil)

Viele dieser Verfahren zählen heute zum Kanon der Schulmedizin und sind wissenschaftlich gut untersucht. Sie werden wie die physikalischen Therapien in der Rehabilitation – aber nicht nur dort – wie selbstverständlich eingesetzt und gar nicht mehr als „Naturheilkunde“ wahrgenommen. Das gleiche gilt auch für die Bewegungstherapie oder die Ernährung. Insbesondere in der rationalen Phytotherapie wurde viel Aufwand betrieben, um die Wirksamkeit von pflanzlichen Extrakten wissenschaftlich zu belegen, und diese sind inzwischen weit verbreitet.

Als erweiterte Naturheilverfahren gelten z. B. ab- und ausleitende Verfahren (Blutegeltherapie, Schröpfen), die Elektrotherapie, Neuraltherapie oder die mikrobiologische Therapie. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Verfahren, für die es keine klare Zuordnung gibt, die aber trotzdem weit verbreitet und auch oftmals sehr wirksam sind. Darunter fallen z. B. die Aromatherapie, die Reflexzonentherapie am Fuß, die Schüßler-Biochemie, die Gemmotherapie oder die Spagyrik.

Auch für die erweiterten Naturheilverfahren gilt, dass sie zunehmend wissenschaftlich belegt sind und stetig mehr Akzeptanz in der Schulmedizin finden, wie die Blutegeltherapie, der Aderlass oder das Schröpfen. Ein weiteres Beispiel ist die Anerkennung der Bedeutung des Mikrobioms (der Darmflora) u. a. für unser Immunsystem durch die aktuelle Forschung. Die ersten Naturheilkundler, die einen Zusammenhang der Darmflora mit z. B. Allergien aufzeigten, wurden noch belächelt. Inzwischen ist die Wechselwirkung zwischen Darmbakterien und dem Immunsystem – aber auch mit vielen anderen gesundheitlichen Aspekten – oftmals wissenschaftlich belegt. Die entsprechenden mikrobiologischen Therapien haben nun auch Einzug in zahlreiche ärztliche Praxen gefunden.

Ein Service des BDH